Schubladendenken in Jena

Die Kapuze | 25. Februar 2010

Kapuzen sind ein sehr nützlicher Bestandteil von Jacken – sie schützen ihren Träger vor Kälte, Regen und Wind. Bei einem überraschenden Regenguss sind Menschen, die über eine Kapuze verfügen, im Vorteil. Wenn es also weder regnet noch stürmt, gibt es theoretisch keinen Grund sie aufzusetzen. Der Aspekt der Nützlichkeit wird in der Modebranche aber nicht beachtet, denn inzwischen befindet sich an gefühlt jedem zweiten Pullover diese neuerdings hippe Kopfbedeckung. Das Ganze nennt man dann Kapuzenpullover oder auch „Hoodie“, wie man unter Fashion-Insidern sagt.

Diese Kapuzen dienen in der Regel nicht dem Schutz vor widrigen Wetterbedingungen, sondern stellen eher sicher, dass anderen Menschen der Blick auf den größten Teil des Kopfes verwehrt bleibt. Ähnlich wie eine Sonnenbrille verhindert die Kapuze, dass man wichtige Bestandteile des Gesichts zu sehen bekommt, also Augen oder Haare. Steigern kann man den Effekt, indem man eine Mütze unter der Kapuze oder gleich zwei Kapuzen übereinander trägt. Meistens sind es junge Männer, die diese Art Versteckspiel betreiben.

Ich denke, dass hinter dieser Mode auch ein Stück Zeitgeist steckt. Wenig von sich zu zeigen steigert den Coolness-Faktor, und der ist in bestimmten Subkulturen extrem wichtig. Mir sind vier Erklärungen für den momentanen Trend zur Kapuze eingefallen:

1. Man fühlt sich beschützt, als ob die man die Welt ein wenig von sich abschirmen könnte. Das wäre keine
verwunderliche Wirkung, denn man sieht und hört alles nur noch eingeschränkt und was man nicht wahrnimmt,
kann auch nicht bedrohlich wirken.

2. Man möchte geheimnisvoll und interessant erscheinen, indem man den Menschen in seiner Umwelt gewisse
äußerliche Details vorenthält.

3. Man hat tatsächlich etwas zu verstecken, z.B. die nach einer durchtanzten Nacht versaute Frisur.

4. Keines der drei Motive trifft zu und man setzt die Kapuze ausschließlich auf, weil man trendy sein will.

Sicherlich ist eine Mischung aus allen vier Punkten richtig. Generell wage ich zu bezweifeln, dass die Mehrheit der Kapuzenträger sich über ihre Motive im Klaren ist. Das positive Gefühl, was sich meist beim Überstreifen einstellt, ist aber sicherlich Grund genug. Ich muss zugeben, dass ich selbst gelegentlich meine Kapuze von ihrer reinen Dekorationsfunktion befreie, d.h. sie bis zu den Augen ins Gesicht ziehe und mich dabei auch noch wohl fühle. Ich möchte also auf keinen Fall die Legitimität des Kapuzentragens in Frage stellen.

Dennoch ist diese Art der Vermummung ein seltsames Phänomen, unterstreichen doch die Haare, die ja dabei hauptsächlich verdeckt werden, die Individualität einer Person. Beinahe könnte man hier eine Parallele zum Kopftuch ziehen, denn wie bei der Kapuze ist nur noch das Gesicht einer Person zu sehen, während der Rest  hinter dem schützenden Stoff versteckt wird. Aber das ist nur so eine Theorie.


Veröffentlicht in Stil

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