Schubladendenken in Jena

Faszination | 3. Februar 2010

Mich interessiert schon lange, was das Besondere und Faszinierende an elektronischer Musik ist, oder Techno, wie meine Eltern es nennen würden. In der Szene verwendet man natürlich wesentlich differenziertere Begriffe, einerseits um seine Sachkenntnis unter Beweis zu stellen und andererseits um seinen eigenen Geschmack abzustecken. Techno ist nicht gleich Techno: Innerhalb des Genres findet sich ein breites Spektrum an Stilrichtungen, von denen natürlich einige wesentlich hipper sind als andere. Elektro, Minimal und House sind zum Beispiel überall konsensfähig, Gabba und Schranz sind was für härtere Typen, die man vermutlich nicht in studentischen Kreisen antrifft. Dann wären da noch Goa (oder Psy Trance, Progressive Trance oder Dark Psy, wie man in Fachkreisen sagt) für hängengebliebene Hippies oder Drum&Bass für männliche Dreadträger mit außergewöhnlich guter Fitness. Ferner hätten wir da House für jene, die sich lediglich dezent bewegen möchten. Minimal Techno bzw. Elektro verkörpern für mich den Mainstream der elektronischen Musik. Für ganz harte Freaks gibt’s dann noch Speedcore (siehe auch hier) und ähnliche Extreme. Mit jenen möchte der durchschnittliche Techno-Hörer auf keinen Fall zur selben Kategorie gehören. Das ist wahrscheinlich vergleichbar mit einem gelegentlichen arte-Zuschauer, der nicht mit einem SuperRTL-Fan in eine Schublade gesteckt werden möchte.

Aber zurück zum Thema. Mein eigentlicher Fokus lag ja auf der Frage, was diese Musik so faszinierend macht. Für mich nimmt sie unter allen Musikrichtungen eine besondere Stellung ein, weil sie meiner Meinung nach die weitreichendsten Auswirkungen auf Lebensgefühl, Mode und soziales Verhalten der jungen Generation hat. Zwar haben sich auch um HipHop, Heavy Metal und Punk Szenen mit eigenem Kleidungsstil und eigener Kultur gebildet, aber die Elektro-Szene ist jene mit den meisten Anhängern und wird in der Öffentlichkeit am stärksten wahrgenommen. Auf dieses Thema würde ich aber gerne später in einem eigenen Blogeintrag eingehen.

Vorerst interessiert mich, welche musikalischen Elemente den Reiz des Techno ausmachen und dazu führen, dass man stundenlang dazu tanzen kann, ohne dass einem langweilig wird, obwohl die Musik an sich nicht sehr abwechslungsreich ist. Meiner Meinung nach sind es gerade die relative Monotonie des Rhythmus und die Abwesenheit bzw. Hintergründigkeit von Melodie und Text, die die Faszination ausmachen. Natürlich verändern sich der konkrete Rhythmus und die verschiedenen Elemente wie Drums, Snares, Bass und diverse andere Töne, die ihn erzeugen, alle paar Minuten. Aber der Stil und die Geschwindigkeit bleiben meistens gleich.

Der Rhythmus fesselt den Geist. Man muss sich beim Tanzen nicht auf einzelne Lieder, Interpreten, Melodien, Texte oder sogar aufs Mitsingen konzentrieren und nimmt stattdessen nur den Rhythmus wahr, der aber gleichzeitig nicht unsere ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Stattdessen beginnt der Geist relativ schnell abzuschweifen und über alles Mögliche nachzudenken – irgendwelche Gedanken, Probleme, Erinnerungen oder Fantasien breiten sich im Kopf aus, während der Körper automatisch vor sich hin tanzt. Gelegentlich kommt es auch mal vor, dass man gar nichts mehr denkt. Ich würde Tanzen jetzt nicht als Zustand der totalen Kontemplation bezeichnen, während dem man möglichst seine „Ruhe“ haben will, man geht ja schließlich auch wegen den anderen Leuten in Clubs. Dieses Gedanken-Abschweifen ist meiner Meinung nach nur etwas, was bei Techno viel massiver passiert als bei anderen Musikrichtungen.

Elektronische Musik würde nicht funktionieren ohne den Bass. Eigentlich ist Musik ja nur hörbar, aber den Bass kann man auch fühlen. Das „Bass raus – Bass wieder rein“-Spielchen spielt jeder DJ gerne mit dem Publikum. Wenn er weg ist, merkt man erstmal wie wichtig er ist. Man wartet nur darauf, dass der DJ den Bass wieder hochdreht und beobachtet die anderen wie sie das Gleiche denken. Der Jubel ist obligatorisch („Jawoll“ ruft man nicht mehr, hab ich beobachtet). Mir fällt es schwer genau zu sagen warum einen der Bass so flasht und vollkommen vereinnahmt – vielleicht weil er einem das Gefühl einer unheimlichen Tiefe vermittelt und einen davon schweben lässt? Dieses Gefühl kennt glaube ich jeder, deswegen hoffe ich, dass ihr es trotzdem nachvollziehen könnt, auch wenn ich keine geeigneten Worte dafür finde.

Ein Gedanke, der mir schon öfter in den Sinn kam, sind die Parallelen zwischen Techno und nennen wir es mal klischeehaft Indianer-Trommeln. In vielen einfachen Kulturen erschaffen die Menschen mit Trommeln Rhythmen, zu denen sie tanzen, oft bis sie einen Zustand der Trance erreicht haben. Die modernen Techno-Jünger machen im Grunde genau das Gleiche, bloß dass sie es verlernt haben diesen Zustand ohne diverse Substanzen zu erreichen.

Was genau macht also die Faszination von lauter elektronischer Musik aus? Da hätten wir einmal die Abwesenheit von bestimmten musikalischen Elementen, die unsere Aufmerksamkeit für sich beanspruchen und den daraus resultierenden Ausflug, den unsere Gedanken unternehmen. Dazu kommen die immense Lautstärke und der Bass. Und was meiner Ansicht nach noch ein weiterer wichtiger Punkt ist: die Musik fängt nicht an zu nerven. Ich glaube dadurch, dass Techno keine besonders eingängigen Merkmale wie Melodien oder immer gleiche Rhythmen besitzt(wie z.B. Reggae), also quasi nur ein Skelett ohne viel Fleisch drumrum ist, geht einem die Musik auch nach vielen Stunden nicht auf die Nerven. Außerdem weiß jeder, dass der Körper durch Bewegung Glückshormone ausschüttet. Nicht zuletzt könnte Techno eine solche Faszination ausüben, weil er die Menschen dazu antreibt sich stundenlang zu bewegen ohne müde zu werden. Freude am Tanzen quasi ;-)


Veröffentlicht in Musik
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2 Kommentare »

  1. Musik, Freude durch Tanzen etc….

    Elektronische Musik gibt dem Zuhörer und Genießer die Möglichkeit sich auf einzelne Elemente wie Snares, Drums und sphärische Bausteine zu konzentrieren, während er mit einer Club-Mate in der einen Hand und die Hosentasche schutzsuchend mit der anderen…

    Trackback von Blog — 8. Februar 2010 @ 11:19

  2. Schön zu lesen, Deine Gedanken. Bei dem Vergleich mit Indianertrommeln fiel mir auch ein dass ich ebenso stundenlang irgendwelchen Bongo Spielern zuhören kann. Egal ob in der Fußgängerzone einer großen Stadt oder natürlich viel lieber im Park.

    Diese Monotonie – der Körper bewegt sich von ganz allein mit. Wird Zeit daß der Sommer kommt.

    Kommentar von Marcus — 8. Mai 2010 @ 01:56


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